Wenn das morgendliche Anziehen zum täglichen Streit wird - praktische Tipps für einen entspannteren Morgen
- vor 13 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Warum Kinder beim Anziehen Grenzen testen, mal Hilfe brauchen und wie Eltern souverän reagieren können

„Mein Kind kann sich manchmal schon ganz alleine anziehen – und an anderen Tagen geht plötzlich gar nichts mehr. Ist das normal?“
Diese Frage stellte mir vor Kurzem eine Mutter während der Fragerunde nach einem meiner Elternabende.
Und ich konnte sie direkt beruhigen: Ja, das ist völlig normal.
Viele Eltern erleben morgens immer wieder dieselben Situationen:
Das Anziehen dauert ewig, das Kind möchte keine Jacke anziehen, sucht gefühlt eine halbe Stunde nach dem richtigen Pullover oder möchte plötzlich barfuß in den Winter hinaus.
Dabei steckt hinter diesen Situationen meist viel mehr als bloßer Trotz.
Anziehen ist für Kinder eine echte Herausforderung
Für uns Erwachsene läuft Anziehen ganz automatisch ab. Für Kinder ist es dagegen eine komplexe Aufgabe.
Sie müssen überlegen:
Was ziehe ich zuerst an?
Wo ist vorne und hinten?
Welcher Ärmel gehört zu welchem Arm?
Wie herum muss die Hose sein?
Wo ist rechts und links?
Hinzu kommt: Morgens sind viele Kinder noch müde. Gleichzeitig herrscht oft Zeitdruck, weil Kindergarten oder Schule warten.
Kein Wunder also, dass das Anziehen nicht jeden Tag gleich gut klappt.
Mal klappt es alleine – mal braucht ein Kind Unterstützung
Die Mutter erzählte mir, dass ihr Sohn (5½ Jahre) sich an manchen Tagen voller Stolz komplett alleine anzieht. An anderen Tagen möchte er plötzlich wieder Hilfe.
Meine Antwort darauf war:
Das ist kein Rückschritt.
Kinder entwickeln sich nicht geradlinig. An manchen Tagen haben sie genügend Energie und Konzentration, um alles selbst zu schaffen. An anderen Tagen benötigen sie einfach noch Begleitung.
Wenn ein Kind grundsätzlich stolz darauf ist, sich alleine anzuziehen, zeigt das vor allem eines:
Es möchte selbstständig werden.
Braucht es an einem anderen Morgen Hilfe, bedeutet das nicht, dass es „faul“ ist oder sich drücken möchte. Es zeigt vielmehr, dass es die Unterstützung in diesem Moment wirklich noch braucht.
Wenn die Kleiderwahl jeden Morgen zur Geduldsprobe wird
Ein Vater, der beim selben Elternabend anwesend war, berichtete auf die vorangegangene Frage hin von seinen täglichen Diskussionen mit seiner modebegeisterten 4-jährigen Tochter:
Seine Tochter möchte morgens immer wieder andere Kleidung anziehen, probiert verschiedene Kombinationen aus und braucht dadurch unglaublich lange.
Hier kann ein kleiner Trick helfen:
Sucht gemeinsam mit eurem Kind am Abend zwei passende Outfits aus.
Am nächsten Morgen darf euer Kind zwischen diesen beiden Möglichkeiten wählen.
Dadurch erlebt euer Kind weiterhin Mitbestimmung, gleichzeitig bleibt der Morgen deutlich entspannter.
Wichtig ist allerdings:
Hat sich euer Kind entschieden, bleibt es auch bei dieser Entscheidung.
Ist euer Kind mit einer solch "großen" Entscheidung noch überfordert, könntet ihr es über eine einzelne Anziehsache entscheiden lassen.
Z.B. darf es die Mütze oder die Jacke auswählen, der Rest wird von Mama oder Papa festgelegt.
„Mein Kind möchte im Winter keine Jacke anziehen.“
Auch diese Frage begegnet mir immer wieder.
Viele Eltern fragen sich:
Muss ich mein Kind zwingen?
Ich arbeite in meiner Beratung mit logischen Konsequenzen statt mit Strafen.
Wenn es Winter ist und ein Kind ohne Jacke oder ohne Stiefel hinausgehen möchte, besteht die logische Konsequenz darin, dass ihm kalt wird.
Ein gesundes Kind fällt nicht um, wenn es für ein oder zwei Minuten bei fünf Grad ohne Jacke oder Schuhe draußen steht.
Meist merken Kinder sehr schnell selbst:
"Mir ist kalt."
Dann möchten sie ihre Jacke oder ihre Schuhe von ganz allein anziehen.
Deshalb ist es sinnvoll, die Jacke oder die Schuhe einfach mitzunehmen und dem Kind die Möglichkeit zu geben, diese Erfahrung selbst zu machen.
Und trotzdem gibt es Situationen ohne Verhandlungsspielraum
So sehr ich Kindern Mitbestimmung ermöglichen möchte:
Es gibt Situationen, in denen Eltern Verantwortung übernehmen müssen.
Wenn beispielsweise ein längerer Spaziergang ansteht oder das Kind krank ist, gibt es manchmal keinen Raum für lange Diskussionen.
Dann darf eine Jacke auch einfach angezogen werden.
Nicht als Strafe.
Nicht aus Macht.
Sondern weil wir als Erwachsene die Verantwortung für die Gesundheit unseres Kindes tragen.
Kinder dürfen ihren eigenen Willen entwickeln.
Eltern dürfen gleichzeitig liebevoll die Führung übernehmen.
Beides schließt sich nicht aus.
Mein Fazit
Beim Anziehen geht es häufig gar nicht um Kleidung.
Es geht um Selbstständigkeit.
Um Mitbestimmung.
Um Entwicklung.
Und manchmal eben auch darum, dass ein Kind morgens einfach noch nicht genügend Energie für all diese Abläufe hat.
Je gelassener wir Eltern damit umgehen, desto entspannter wird oft auch der Morgen.
Manchmal hilft Unterstützung.
Manchmal eine gute Vorbereitung.
Und manchmal einfach die Erfahrung, dass eine Winterjacke bei fünf Grad doch ganz angenehm ist.
Sie wünschen sich mehr Gelassenheit im Familienalltag?
Sie wünschen sich einen entspannteren Familienalltag und einen wertschätzenden Umgang in Ihrer Familie?
In meiner Familienberatung unterstütze ich Eltern dabei, ihr Kind besser zu verstehen, Konflikte liebevoll zu begleiten und Grenzen klar und respektvoll zu setzen.
Gemeinsam schauen wir auf Ihre individuelle Situation und entwickeln alltagstaugliche Lösungen, die zu Ihrer Familie passen.
Sophia Pawisa, Familienberaterin in Kirchheim unter Teck und Umgebung

Kommentare