Essen mit Kindern: Ein kleiner Leitfaden für den Familienalltag
Darf mein Kind beim Essen aufstehen? Wie lange sollte es am Tisch sitzen bleiben? Und was, wenn plötzlich kaum noch etwas gegessen wird?

Rund um das Thema Essen gibt es in Familien viele unterschiedliche Vorstellungen.
Und das ist auch völlig in Ordnung.
Eltern dürfen selbst entscheiden, wie sie ihre Mahlzeiten gestalten möchten. Manche Familien essen gemeinsam am Tisch und möchten, dass alle sitzen bleiben, bis die Mahlzeit beendet ist. Andere sind dabei etwas flexibler.
Eine allgemeingültige Regel, die für jede Familie und jedes Kind funktioniert, gibt es nicht.
Was wir bei all diesen Überlegungen aber nicht vergessen sollten: Am Esstisch sitzt ein Kind. Und ein kleines Kind funktioniert beim Essen noch nicht wie ein Erwachsener.
Kleine Kinder haben kein endloses Sitzfleisch
Von einem kleinen Kind zu erwarten, dass es eine halbe Stunde oder länger ruhig am Tisch sitzt, kann schlicht zu viel verlangt sein.
Kinder lassen sich schnell ablenken, entdecken etwas Interessantes oder verlieren nach einer gewissen Zeit einfach die Lust am Sitzen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass ihnen Grenzen fehlen oder sie „nicht richtig essen können“.
Natürlich dürfen Eltern einen Rahmen vorgeben. Aber dieser Rahmen sollte zum Alter und zur Entwicklung des Kindes passen.
Die Frage ist deshalb nicht nur:
„Was möchte ich beim Essen von meinem Kind?“
Sondern auch:
„Was kann ich von meinem Kind in diesem Alter überhaupt erwarten?“
Und dann plötzlich: Das Kind isst viel weniger
Ein weiterer Punkt, der viele Eltern verunsichert, ist die Menge.
Gerade ab etwa dem ersten Lebensjahr verändert sich das Essverhalten vieler Kinder deutlich. Während Babys häufig noch erstaunlich große Mengen essen, wirkt es im Kleinkindalter plötzlich so, als würde das Kind von Luft und drei Nudeln leben.
Das kann Eltern ziemlich nervös machen.
Dabei darf man nicht vergessen: Der Bedarf eines Kindes verändert sich mit seiner Entwicklung.
Nicht jedes Kind wächst jeden Tag gleich schnell. Es gibt Phasen, in denen Kinder einen deutlichen körperlichen Entwicklungsschub machen und entsprechend mehr Hunger haben können. Danach können wieder Phasen folgen, in denen weniger gegessen wird.
Auch die Bewegung, die allgemeine Entwicklung und die jeweilige Tagesform spielen eine Rolle.
Deshalb sollten wir nicht jede einzelne Mahlzeit isoliert betrachten.
Ein Kind, das heute kaum etwas isst, kann morgen wieder großen Hunger haben.
Und eine Mahlzeit, bei der der Teller fast voll bleibt, bedeutet nicht automatisch, dass ein Kind zu wenig Nahrung bekommt.
Eltern entscheiden, was angeboten wird – das Kind entscheidet, ob es isst
Für mich ist dabei eine Unterscheidung besonders wichtig:
Eltern dürfen entscheiden, was auf den Tisch kommt. Aber sie sollten ihr Kind nicht zum Essen zwingen.
Wir dürfen gesunde und abwechslungsreiche Lebensmittel anbieten. Wir dürfen entscheiden, wann und wo gegessen wird. Und wir dürfen einen Rahmen für die Mahlzeiten schaffen.
Aber wir können nicht erzwingen, dass unser Kind Hunger hat.
Ein Kind muss nicht den Teller leer essen, nur weil wir der Meinung sind, dass es „noch drei Löffel schaffen könnte“.
Und auch ein „Nur noch ein Bissen!“ kann schnell dazu führen, dass Essen zu einem kleinen Machtkampf wird.
Wenn ein Kind satt ist, darf es satt sein.
Essen sollte nicht zur Frage von Gehorsam werden.
Was, wenn mein Kind nur Nudeln essen möchte?
Auch das kennen viele Eltern.
Heute werden die Nudeln verschlungen, morgen wird nur die Gurke gegessen und übermorgen wird das komplette Abendessen mit einem lauten „Nein!“ abgelehnt.
Wir dürfen unterschiedliche Lebensmittel anbieten und unserem Kind immer wieder die Möglichkeit geben, Neues kennenzulernen.
Aber wir müssen nicht dafür sorgen, dass es bei jeder Mahlzeit von allem probiert.
Anbieten statt zwingen ist hier für mich ein wichtiger Grundsatz.
Kinder dürfen Vorlieben entwickeln. Und sie dürfen Lebensmittel auch einmal ablehnen.
Das bedeutet nicht, dass Eltern nun jede Mahlzeit nach den Wünschen ihres Kindes zusammenstellen müssen. Gleichzeitig müssen wir aber auch nicht erwarten, dass ein Kind begeistert von einer Mahlzeit ist, von der wir bereits wissen, dass es davon eigentlich nichts mag.
Es kann deshalb hilfreich sein, bei einer gemeinsamen Mahlzeit mindestens eine Sache anzubieten, von der wir wissen, dass unser Kind sie gerne isst. Das muss kein eigenes Kindergericht sein. Es kann einfach ein Bestandteil der Mahlzeit sein, den das Kind kennt und mag.
So bleibt der Rahmen bei den Eltern, aber das Kind bekommt trotzdem eine echte Möglichkeit, etwas zu essen.
Wann ist die Mahlzeit eigentlich vorbei?
Meist zeigt ein Kind ziemlich deutlich, dass es fertig ist.
Es spielt mit dem Essen, matscht darin herum, wirft Lebensmittel auf den Boden oder beschäftigt sich mit allem – nur nicht mehr mit dem Essen.
Auch dann müssen Eltern nicht endlos versuchen, die Mahlzeit fortzusetzen.
Wir dürfen ruhig sagen:
„Du möchtest gerade offenbar nicht mehr essen. Dann räume ich deinen Teller jetzt weg.“
Das ist keine Strafe.
Es ist einfach eine Entscheidung darüber, dass die Mahlzeit beendet ist, weil unser Kind uns signalisiert, dass es satt ist.
Essen darf entspannt bleiben
Vielleicht ist genau das der wichtigste Gedanke:
Wir müssen nicht jede Mahlzeit perfekt machen.
Wir dürfen Regeln haben. Wir dürfen entscheiden, wann und wo gegessen wird und welche Lebensmittel wir anbieten. Aber wir müssen nicht bestimmen, wie viel unser Kind davon essen muss.
Gerade beim Essen dürfen wir unseren Kindern etwas zutrauen: ihren eigenen Körper wahrzunehmen.
Hunger und Sättigung sind wichtige Signale, die Kinder nach und nach kennenlernen und einordnen lernen. Wenn wir immer wieder entscheiden, dass noch ein Löffel gegessen werden muss, obwohl unser Kind eigentlich satt ist, oder dass der Teller leer gegessen werden soll, nehmen wir ihm ein Stück weit die Möglichkeit, diese eigenen Signale ernst zu nehmen.
Deshalb können wir Essen anbieten, den Rahmen halten und gleichzeitig den Druck herausnehmen.
Nicht jedes Essen muss aufgegessen werden. Nicht jede Mahlzeit muss perfekt sein. Und nicht jeder Teller muss leer sein.
Wir dürfen darauf vertrauen, dass unser Kind seinen eigenen Hunger und seine eigene Sättigung zunehmend kennenlernt. Sophia Pawisa, Familienberaterin und Referentin in Stuttgart und Umgebung

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